Etwas Besonderes schaffen · 1. Januar 2005

Unser Alltag ist geprägt von Stress, Hektik, Problemen und Mittelmaß. Unsere geschäftigen Körper hetzen durch unser erfülltes Leben. Erfüllt mit vielen Unwichtigkeiten, die wir uns aufbärden, um am Ende des Tages dennoch das Gefühl zu haben, heute etwas Sinnvolles geleistet zu haben. Wie oft aber schaffen Sie es, Hand auf’s Herz, am Ende eines Tages zu sich zu sagen: “Heute habe ich etwas Besonderes erlebt?”

Ich glaube, dass es das Besondere immer noch gibt, und wir heute nur an der falschen Stelle suchen. Wir sollten dem Besonderen wieder den richtigen Platz weisen, und es dort neu entdecken. In der Alltagshektik werden wir aber das Besondere nicht finden. Ich denke es sind einige Schritte notwendig, um das Besondere wieder zum Leben zu erwecken:

  1. Abstand gewinnen vom Alltagsstress, sowohl von der wahnsinnigen Geschwindigkeit, als auch vor der immer mehr zunehmenden Intensität.
  2. Sich ganz einer Sache widmen, das Besondere braucht besondere Zuwendung.
  3. Andere Menschen und ihre Taten mit dem notwendigen Respekt behandeln. Etwas Besonderes tritt man nicht mit den Füßen.

Ich bin davon überzeugt: Der Zustand unserer Gesellschaft lässt sich an unseren Hobbies ablesen. Wo haben wir uns die letzten 20 Jahre über hinentwickelt? Bungee-Jumping, Canyoning, Rafting, gar Ironing. Anscheinend haben wir immer größere Adrenalin-Schübe notwendig, um unserem gestressten Gehirn noch etwas Abwechslung zu bereiten, oder wir schaffen es nur noch nach dem Zutand völliger Erschöpfung, endlich einmal abzuschalten. Energie tanken nennen wir diesen psychischen und physischen Sturzflug dann. Aber eigentlich lügen wir uns nur etwas vor. Denn was auch kommen mag, es muss immer wieder großartiger, höher, schneller, weiter sein, damit es uns noch ein kleines Stück Befriedigung verschaffen kann.

Dabei zeigen uns die Buddhisten schon seit über 2000 Jahren, wie es funktionieren kann. Wer etwas Besonderes erleben möchte, der muss erst lernen, in seinem Kopf auch wieder Platz für besondere Erlebnisse zu schaffen. Wir sehen heute sprichwörtlich vor lauter Blättern die Bäume nicht mehr. Wenn wir das schaffen wollen, sind wohl zwei Dinge notwendig: Wir müssen die wahnsinnige Geschwindigkeit reduzieren, mit der wir als Menschen in der Gesellschaft verschleißen. Wir sollten uns in unserem Leben auf die wichtigen und richtigen Dinge beschränken. Dazu müssen wir uns aber erst einmal Gedanken darüber gemacht haben, welche Dinge uns das sind—und das in aller Ruhe.

Wir dürfen uns als Menschen in der Gesellschaft nicht zu kurz kommen lassen. Die letzten 20 Jahre sind geprägt durch ein Weltbild, das den Menschen operationalisiert und funktionalisiert. Wir sind menschliche Ersatzteile in einem gewucherten System, das anscheinend keiner mehr kontrollieren kann, nur einige Menschen zu ihrem Vorteil auszunutzen schaffen. Aber Besonderes finden wir dort wohl wenig.

Wir müssen auch die schiere Menge unseres Alltagsgeschäfts reduzieren. Wenn heute ein Dinner nur noch ein “schnelles Essen zwischen Büro und Abendverpflichtung” ist, wie soll es dann jemals etwas Besonderes werden? Wenn wir so leben, erleben wir sämtliche Dinge nur in der Retrospektive. Unsere emotionale Welt hinkt der realen hinterher. Wir erfahren die wichtigen Empfindungen erst hinterher—zu spät, um sie zu äußern, oder gar mit anderen gemeinsam zu erleben und zu teilen. Da ist auch eine SMS mit “Es war ein wirklich schöner Abend!” wirklich ein jämmerliches Trostpflaster.

Wenn wir etwas Besonderes erleben möchten, sollten wir uns wieder Zeit nehmen, uns ganz einer Sache zu widmen. Ohne Unterbrechungen durch klingelnde Mobiltelefone. Mit einem guten Freund etwas Besonderes zu erleben ist wichtiger als Rund-um-die-Uhr-Erreichbarkeit. Ich habe das einfach so entschieden. Haben Sie jemals erlebt, dass Ihnen die Leute, die Sie um Ihre Erreichbarkeit bitten, diese auch in irgendeiner Form anerkennen? Oder die notwendige Distanz wahren? Wie viele der Anrufe, die Sie auf’s Handy bekommen, beginnen mit der Frage “Entschuldigen Sie, störe ich Sie gerade?”, obwohl ihr Gesprächspartner keinen blassen Schimmer davon hat, wo Sie gerade stecken oder mit was Sie sich gerade beschäftigen? Wir nehmen andere Menschen einfach so für uns in Beschlag, wie eine Selbstverständlichkeit.

Auch ohne Unterbrechungen durch ständige Gedanken an andere Dinge. Meine Mutter würde das ganz simpel formulieren: Wir haben heute einfach keinen Anstand mehr. Mit Anstand meinte sie die respektvolle Behandlung anderer Personen. Gewisse Umgangsformen. Ein schlauer Mensch hat einmal gesagt, die Etiquette sei dazu da, damit man auch mit Menschen, die man nicht mag, erfolgreich und respektvoll umgehen kann. Ich teile diese Ansicht. Wir sind heute alle per du. Dabei haben wir das letzte bisschen Distanz voreinander verloren.

Ich kann mich daran erinnern, dass das früher anders gewesen ist. Wenn man sich auf etwas vorbereitet hat, dann hat man sich dieser Sache gewidmet, und Energie und Liebe in sie investiert. Man hatte den festen Willen, etwas Besonderes zu schaffen. Wenn ich heute ein Konzert spiele, und ich gehe mit der Einstellung dran: “Nun, wir spielen ein paar Lieder, wird schon irgendwie klappen.”, dann werde ich wohl kaum mehr als verhaltene Reaktionen von meinem Publikum ernten. Wenn ich mich der Vorbereitung allerdings mit der Einstellung widme “Ich möchte für meine Zuhörer an diesem Abend etwas besonderes schaffen.”, dann habe ich eine Chance, dieses Ziel auch wirklich zu erreichen.

Aber es gibt da ein Problem: Etwas besonderes zu schaffen bedeutet, Energie in eine Sache zu investieren. Eigene Energie. Und eine ganze Menge davon. Aber die Belohnung: Ich glaube, es gibt nichts herrlicheres und energiespendenderes auf der Welt, als in die Augen eines Menschen zu sehen, der sich gerade darüber freut, dass man etwas Besonderes für ihn geschaffen hat. Und es gibt wenig frustrierenderes auf der Welt als das Gefühl, dass eine besondere Anstrengung mit besonders wenig Aufmerksamkeit und Begeisterung vom Empfänger in die Reihe der Selbstverständlichkeiten eingereiht wird.

Geburtstagsgeschenke sind für uns doch immer so ein leidiges Thema. Was kann man wem schon noch schenken. Wir überhäufen uns mit Ramsch, und den zugehörigen leeren Phrasen, wenn wir Ramsch überreicht bekommen. Dabei können wir auch in diesem Fall durch das simple Umkehren unserer Einstellung zur Sache aus dem Ramsch-Problem ein freudiges Ereignis bereiten. Warum ziehen wir nicht los mit “Mit was könnte ich meinem Freund eine Freude bereiten?”, ”über was könnte er sich wirklich freuen?” Haben wir so sehr daran zu kämpfen, einmal nicht an uns, sondern für einen kleinen Moment an andere zu denken (Wir denken nicht dann an sie, wenn wir auf die Idee kommen, Geld für sie auszugeben, sondern dann, wenn wir uns die obigen Fragen stellen.)

Ich bin einmal losgezogen, um meiner Mutter (schon wieder du, sorry :-) ein Geburtstagsgeschenk zu kaufen. Geburtstagsgeschenke für meine Mutter waren immer sehr schwierig für mich. Aber an diesem Tag bin ich einfach losgezogen, und dachte “Ich möchte ihr einfach irgendetwas Schönes kaufen.” Ich nahm mir ein paar Stunden Zeit, bummelte durch Geschäfte, und widmete mich intensiv der Frage “Was könnte meine Mutter denn aber nun wirklich schön finden?” (und nicht etwa “Was gefällt mir?”). Ich habe ihr eine schlichte weiße Porzellanvase von schöner Form gekauft, die einen Kunstdruck trug, den ich in die Reihe der Motive einsortierte, die Mutter-kompatibel waren. Meine Belohnung war ihre Reaktion: “Ich hätte nicht gedacht, dass ich heute noch so etwas Schönes geschenkt bekomme.”

Massenware hat in Bezug auf die Besonderheit wohl einen ähnlichen Stellenwert wie schlampig gefertigte Ware: Sie ist nichts Besonderes, und da kann auch keine Qualitätssicherung dieser Welt etwas daran ändern.

Eine Sache verliert auch dann sofort den Status von etwas Besonderem, wenn man sie nicht entsprechend behandelt. Das gilt im übrigen auch für Menschen. Durch meine respektlose Behandlung werde ich jede zwischenmenschliche Beziehung auf den Level des Alltäglichen zurückwerfen, egal wie viel Besonderheit in dieser Beziehung vielleicht auch möglich wäre.

Ich kann eine Sache oder eine Person aber erst dann wirklich respektvoll behandeln, wenn ich entweder das Besondere an ihr kenne und schätze, oder zumindest dafür sorge Trage, dass das Besondere in ihr, auch wenn ich es nicht kenne, durch Auftreten nicht herabgesetzt wird. Schwierig? Ich glaube nicht. Dazu müssen wir im wesentlichen nur ein wenig bewusster mit unserem Umfeld umgehen, und uns dabei nicht hinter dem Deckmantel unserer Geschäftigkeit verbergen. Weil manchmal, wenn wir “keine Zeit” sagen, kompensieren wir eigentlich nur unser eigenes Unvermögen, mit Dingen respektvoll umzugehen. Wir “beschützen” unsere Umwelt vor unserem ungehobelten Wesen, und sind dabei schon respektlos zu ihr, da wir auch nicht ein Fünkchen Energie aufgebracht haben, sie einfach nicht ungehobelt zu behandeln.

Jeder von uns ist etwas Besonderes. Jeder hat seine Talente. Jedes Ereignis kann etwas Besonderes sein, solange es nichts Alltägliches geworden ist. Ich für meinen Teil möchte gerne wieder etwas Besonderes erleben. Aber ich habe angefangen, an anderen Stellen zu suchen, und mir ein klein wenig mehr Zeit für die “Nebensächlichkeiten” zu nehmen, die gar nicht so nebensächlich sind, wie wir heute vorgeben.

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  1. “Unsere emotionale Welt hinkt der realen hinterher” – Danke. Ich finden deinen Text sehr hilfreich.
    Vieles von dem was du ansprichst habe ich bei mir selber wiederentdeckt und ich teile die Auffassung über die Notwendigkeit von Respekt und respektvoller Distanz um Besonderes erst möglich zu machen.
    Thomas    Jan 9, 18:32    #

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