Digitalpianos: Zu Hause und auf der Bühne · 3. Juli 2007

Zur Zusammenfassung noch einmal die wichtigsten Eigenschaften, die die typische Klangübertragung eines echten Pianos charakterisieren. Ich werde diese Effekte und ihre Auswirkungen auf die Beschallung im Anschluss dann diskutieren:
  • Der Klang wird von einer Saite teilweise direkt (in unmittelbarer Nähe), teilweise über den Resonanzboden an die Luft abgegeben
  • u.U existieren je nach Aufstellung auch Schallbrücken über den Boden
  • der komplette Korpus des Instruments wird in Vibrationen versetzt
  • der Klangcharakter (insbesondere die Anzahl und Regelmäßigkeit der Obertöne) ändert sich von leise nach laut
  • die Pianistin erfährt den Klang des Instrument unterschiedlich vom Zuhörer
  • das Instrument ist an einer bestimmten Stelle im Raum platziert

Klangübertragung

Je größer das Piano, desto größer der Resonanzboden. Das heißt: desto größer ist die Fläche, über die das Piano Luftmoleküle zum Schwingen anregt. Das funktioniert, weil das Holz den Schall viel besser leitet, als das die Luftmoleküle tun. Über einen großen Resonanzboden von mehreren Quadratmetern erreicht man also viel mehr Luftmoleküle. Der englische Begriff Volume gibt diesen Sachverhalt treffend wieder, viel besser als die deutsche Lautstärke. Diese vielen Luftmoleküle werden nämlich weit weniger bewegt, als es nötig ist, z.B. durch einen 20cm-Lautsprecher an einem entfernten Punkt die dasselbe Volume zu erreichen.

Der Vorteil: Gleichmäßigkeit, weil durch die große Fläche an jedem einzelnen Punkt der Klangübertragung ein geringerer Druck ausgeübt werden muss, um die gleiche Hörlautstärke zu erreichen. Und das schlägt sich auf den Klangcharakter nieder: Je kleiner die Schallquelle ist, desto komprimierter klingt der Klang. Außerdem erhöht sich bei einer kleinen Box dieser Effekt, je näher man sich an der Box befindet. Sind die winzigen Lautsprecher auch noch im Instrument eingebaut, dann klingt das Instrument für die Pianistin am schlechtesten: sie sitzt am nächsten an der Klangquelle.

Diesem Effekt kann man auf verschiedene Arten und Weisen entgegen wirken:

Auf der Bühne

  • Hall. Ist auf dem Audio-Signal bereits Hall, dann vermindert sich der Klangunterschied zwischen kurzem und weitem Abstand zum Lautsprecher, da ein Teil des Raumklang-Effektes schon in das Signal mit eingeflossen ist. Schwierig wird’s, wenn der Raum an sich eine schwache Dämpfung hat, da sich in der Entfernung die Hall-Effekte dann addieren und überlagern. Aber vorsicht: Gute Hall-Geräte sind teuer, und mit schlechten Hall-Geräten läuft man Gefahr, den Klang zu verschlimmbessern.
  • Bässe absenken. Um jeden Preis vermeiden, dass sich die niedrigen Frequenzen zu stark durchsetzen, und ein “Knallen” verursachen. Bühnen-PAs verursachen einen sehr hohen Schalldruck, und meist wird das Signal in der Summe noch einmal komprimiert. Lieber mit einem etwas “drahtigeren” aber dafür nicht unnatürlich aufdringlichen Klang leben, denn was zu aufdringlich klingt, erzeugt Weghör-Effekte, wohingegen ein dünnerer Klang allenfalls zu stärkerer Aufmerksamkeit anregt. Schlimm wird’s erst wieder, wenn ein drahtiger Klang zu stark verstärkt wird, so dass er “schrill” klingt. Sobald man mit anderen Musikern zusammenspielt tummeln sich so viele Instrumente im unteren Frequenzspektrum, dass man die Bässe getrost noch weiter absenken kann.
  • Side-Fills. Hat man zusätzlich zu dem direkten Bühnen-Monitor noch Side-Fills, entsteht ein angenehmerer Eindruck vom Piano-Klang auf der Bühne. Erklärung siehe weiter unten bei “mehrere Klangquellen”.

Zu Hause

  • indirekte Schallabgabe. Bei guten Piano-Lautsprechern hat man den Eindruck, dass das Signal indirekt abgegeben wird, d.h. man hat nicht das Gefühl, dass man vom eingebauten Lautsprecher direkt beschallt wird.
  • mehrere Klangquellen. Da Pianistin und Publikum beim echten Piano den Klang unterschiedlich erfahren sollte man auch bei digitalen Pianos so verfahren: die perkussiveren, direkteren Anteile hört man in erster Linie in der Nähe, wobei sich die höheren Anteile über weitere Strecken transportieren. Erreichen kann man das, in dem man zum Beispiel direkt beim Piano gute Monitor-Lautsprecher aufstellt, die das ganze Frequenzspektrum enthalten, und den Raum zusätzlich mit einem Signal Beschallt, dessen Tiefen etwas gefiltert sind. Durch diese Kombination erhält man auch ohne den Einsatz von Hall einen deutlich realistischeren Klangeindruck. Auf der Bühne kann man diesen Effekt nachahmen, wenn zusätzlich zum direkten Monitor noch Side-Fills zur Verfügung stehen.

Allgemein

  • Vibrationen. Eingebaute Lautsprecher machen ein Piano zwar schwer und für Live-Musiker unhandlich, allerdings haben sie einen tollen Effekt, auf den ich im Heimbereich nicht verzichten möchte: Sie setzen im besten Fall das ganze Instrument leicht in Schwingung. So verbessert sich das “Feed-Back”, das man vom Instrument bekommt, enorm. Ein Effekt, der sich vor allem auf dem Yamaha P250 bzw. dem Nachfolger CP300 schön nachvollziehen lässt.

Zum Thema Pianissimo

Das Thema Pianissimo auf Digital-Pianos wird immer wieder sehr kontrovers diskutiert. Dazu muss man einfach sagen: So richtig “realistisch” geht nur mit erheblichem Aufwand, in erster Linie wegen des oben genannten Resonanzboden-Effektes. Ein “butterweiches” Pianissimo lässt sich nur über eine großflächige Schallabgabe erreichen. Kleine Boxen können im Nahbereich kein Pianissimo erzeugen, das in gutem Abstand noch gehört wird — zumindest nicht innerhalb der üblichen Wohnzimmer-Akustik.

Pianissimo auf Digital-Pianos ist in erster Linie Geschmackssache. Einigen Spielern klingen die typischen “modernen” E-Piano-Sounds im Pianissimo nicht “voll” genug. Ich denke, das liegt in erster Linie an der Resonanz. Viele E-Piano-Sounds weisen in den Höhen inzwischen zwar schöne Saiten-Resonanzen auf (an vorderster Front die Promega bzw. das Modul RP-X derFirma GEM (ehem. General Music), aber im mittleren Frequenzspektrum schwingen die angeschlagenen Akkorde nicht so sonor aus (z.B. beim Roland-Grand aus dem RD700). Es gibt aber auch Ausnahmen, z.B. einige Instrumente der Firma Kawai.

Wichtig ist, dass sich der Klang über das ganze pp-Spektrum auch noch dynamische Unterschiede aufweist. Am ehesten wird das durch physical Modelling gewährleistet, da dort aus Dynamik-Änderungen teilweise komplexe Klangfarben-Änderungen abgeleitet werden können. Aber eine eierlegende Woll-Milch-Sau gibt es bei Digitalpianos nicht, und man muss den Klang schon auf die Musik, die man spielen möchte, sowie die Umgebung, in der man üblicherweise spielt, abstimmen. Ich habe oft erlebt, dass Klänge, die in einer Solo-Situation recht angenehm klingen, sich schlecht in ein Bühnen-Setup einfügen, oder ein schlechtes Frequenzspektrum für die Verstärkung über eine PA aufweisen.

Zwei fatale Mängel sind:

  • Der Klang fällt zu schnell ab. Dann ist es fast unmöglich, in einer Bühnensituation “Akkorde stehen zu lassen”. Das lässt sich auch durch stärkeres “in die Tasten hauen” nicht kompensieren (die natürliche Reaktion bei Pianisten, der sie beim akustischen Piano die Saiten länger schwingen lässt), da sich der gewünschte Effekt bei diesen E-Pianos nicht einstellt. Außer, dass mit der Zeit die Finger ermüden.
  • Der Klang ist zu perkussiv, vor allem in den unteren Mitten und Bässen. Dann ist die Gefahr groß, dass der Sound an der PA zu sehr “knallen” wird, ohne sich dabei “durchzusetzen”. Sucht man Frequenzen, die sich gegen eine Band ganz gut durchsetzen, kann man bei den Sängern “spicken”. z.B. liegt eine der tragenden Gesangsformanten bei ca. 3000 Hz. Ist sie ausgeprägt, setzen sich Sänger sogar in Orchestern gut durch. Andererseits sollte man vermeiden, diese Frequenzen überzubetonen, wenn man eine Sängerin begleitet. Dazu dann doch lieber auf ein “Mellow Piano” umsteigen.

Zu Kopfhörern

Spielt man ein E-Piano zu Hause zum Üben über Kopfhörer, dann sollte man am besten einen halboffenen bzw. offenen Kopfhörer verwenden, der idealerweise ohrumschließend, und nicht am Ohr aufliegend ist. Diese Kopfhörer geben zum einen weniger direkten Schalldruck an das Ohr ab (eben weil sie nicht “dicht” sind), daher ist der Kompressions-Effekt geringer, und der Klang hat eine geringer Neigung zu “knallen”. Ganz nebenbei werden die Ohren geschont. Zum anderen klingt es natürlicher, wenn man Geräusche aus der Umgebung noch zumindest teilweise wahrnimmt.

Mit einem guten, offenen Kopfhörer wird man dann für sich alleine vielleicht sogar das Pianissimo erreichen können, das sich einige Menschen von Digitalpianos vorstellen jedoch nirgends finden.

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