Gedanken zur Gnosis · 30. April 2010

Einige Gedanken zum Thomasevangelium:

Bei den folgenden Gedanken handelt es sich um “freie” Interpretationen anhand einer Transliteration des koptischen Überlieferungstextes des Thomasevangeliums, unter Zuhilfenahme altgriechischer und koptischer Wörterbücher. Freie Übersetzung aufrecht, Interpretation kursiv gedruckt. “IC” steht dabei für die beiden “Jesu”-Konsonanten.

Das sind die verborgenen Worte, die IC zu Lebzeiten gesprochen hat, und Didymos Judas Thomas hat sie aufgeschrieben.

Und er sagte folgendes:

“Wer immer diese Worte begreifen wird, wird den Tod nicht schmecken.”

Bedeutet “wird den Tod nicht schmecken” hier nicht eher “dem wird der Tod nichts anhaben können/der wird den Tod, wie wir ihn kennen, nicht fürchten”, anstatt einer Vorstellung von Unsterblichkeit?

“Lass den, der tatsächlich sucht, wenn er wirklich sucht, nicht aufhören, bis er gefunden hat. Und wenn er gefunden hat, wird er gestört/verwirrt/geeilt werden, und wenn er verwirrt wird, wird er sich wundern, und er wird Herrscher über alles.”

Wenn Deine Führer sagen:
“Das Königreich ist im Himmel”, dann werden Dir die Vögel immer voraus sein.
Wenn Sie sagen:
“Das Königreich ist im Meer”, dann werden Dir die Fische immer voraus sein.
Das Königreich ist aber in Dir, und es ist in deinem Auge.

Wenn ihr euch erkennt, dann wird man euch erkennen, und ihr werden verstehen, dass ihr die Kinder des leibhaftigen Vaters seid.

Wenn ihr euch allerdings nicht erkennt, werdet Ihr in Armut leben und es wird eure Armut sein.

Ein betagter Greis wid sich wird nicht zögern, ein kleines Kind von 7 Tagen über die allgemeinen Dinge (topoi) des Lebens zu befragen, und er wird leben. Denn die vielen ersten werden auch die letzten sein, sie werden alle ein einziges werden.

Geht es hier vielleicht darum, dass der Zustand, der am Anfang war, auch der Zustand ist, der am Ende sein wird, und es zwischen beiden keinen Unterschied gibt, sondern alles in beständiger Veränderung ineinander übergeht und zusammenhängt? Ein Greis ist nicht über den Säugling erhaben, und jemand mittleren Alters nicht über Säugling oder Kreis. Alle verkörpern dieselbe, göttliche Essenz.

Erkenne was in deinem Gesicht gegenwärtig ist, und das, was Dir verborgen war, wird dir erscheinen. Denn nichts, was verborgen ist, wird nicht erscheinen werden.

Diesen Satz finde ich interessant mit den yogischen Lehren zu vergleichen. In der Yoga wird man, sobald man die Gegenwart mit reiner, aufmerksamer Wahrnehmung aufnimmt (ein Pappenstiel …), ohne wertenden Verstand, hinter die Dinge sehen können. Auch die Zusammenhänge, wie es dazu gekommen ist, und wie die Entwicklung weitergehen kann.

Seine Schüler fragten Ihn:
“Willst Du, dass wir fasten? Und auf welche Art und Weise sollen wir beten? Sollen wir Almosen geben? Und welche Speisen sollen wir vermeiden?”
IC sagte:
“Erzählt keine Lügen, und das was ihr selbst hasst, tut es nicht. Den nichts, was verborgen ist, wird nicht erscheinen, und nichts, was verdeckt ist, wird nicht enthüllt werden.”

(Geht es hier nicht eher um das Aufrechterhalten des kosmischen Gleichgewichts anstatt irgend einer ichbezogenen, reumütigen Abstinzenz?. Nicht in Askese oder Buse liegt die Wahrheit, sondern darin, dass jede Handlung eine Wirkung hat, und in der kosmischen Balance auch solche Handlungen Wirkung entfalten, die vor dem menschlichen Auge vordergründig verborgen bleiben. Entdeckt man diese Welt für sich, dann wird man auch die Essenz hinter den Dingen sehen können, und nicht von der vordergründigen Schau geblendet werden.)

IC sagte: “Gesegnet ist der Löwe, den der Menschen zu sich nimmt. Und der Löwe wird Mensch. Und verdammt, ist der Mensch, der vom Löwen verschlungen wird, und der Löwe wird immer noch mensch.”

(Mir scheint eine andere Fassung der Übersetzung plausibler, sie bedarf keiner weiteren Interpretation:
IC sagte: “Ein >>Makarios<< (altgr. Gesegnter, Erleuchteter) ist der Mensch, der das Licht in sich aufnimmt. Und das Licht wird zum Menschen. Auf sich allein gestellt ist der Mensch, der vom Licht durchdrungen wird, und das Licht wird immer noch zum Menschen.”)

Er sprach: “Der Mann ist gleich einem Fischer, der sein Netz ins Meer auswirft. Er zog es ein, voll von Fischen, kleine von unten, zwischen ihnen sah er einen großan, guten Fisch. Der weise Fischermann warf alle kleinen Fische zurück ins Meer und wählte den Großartigen ohne Probleme aus.

“Diejenigen, die ein Ohr zum Zuhören haben, lass sie zuhören.”

(Hier tauchen zwei eher praktische Aspekte auf: Zum einen, auf der Suche nach der wahren Wesensschau das Esentielle von den vielen kleinen Ablenkungen zu unterscheiden, um nicht abgelenkt zu werden. Es wird dem Erfahrenen Geübten immer leichter fallen. Zum anderen ist die Verbreitung dieser Lehre keine “Massenware”. Es wird wenige geben, die wirklich bereit sind, diesen Weg zu beschreiten. Sie aus der Schar der vielen Menschen herauszublicken, wird dem erfahrenen “Fischer” ein Leichtes sein. Letztere Interpretation pass v.a. zur Schlussfolgerung.)

IC sprach: “Schaut, der Säer zieht aus, füllt seine Hand und warf seine Samen. Einige davon fielen tatsächlich auf die Straße. Sie wurden von den Vögeln verzehrt. Einige fielen auf einen Fels, und konnten keine Wurzeln in die Erde schlagen, und keine Ohren hoch in den Himmel. Und einige andere fielen auf die Dornen. Sie verdarben, und wurden von den Würmern gefressen. Und einige andere fielen auf die Erde, was gut war, und trugen gte Frucht hoch in den Himmel. Manche 60 pro Maß, manche 120 pro Maß.”

(Es geht hier darum, dass auch unter denen, die die Lehre hören, solche sind, die die Lehre nicht verstehen können, sie werden von denen Vögeln gefressen (vergleiche vorangegangenes Bild von den “voranstehenden Vögeln”). Einige anderen werden es auf dem steinigen Weg nicht schaffen, sie werden auf Irrwegen verderben. Der Rest aber wird es schaffen, wenn auch einige schneller und umfangreicher, manche weniger.)

IC sprach: “Ich habe einen Funken auf die Welt gebracht, und werde über ihm wachen, bis das Feuer brennt.”

IC sprach: “Dieser Himmel wird vergehen, und sie, die über ihm steht, wird vergehen, und die, die unter den Toten weilen, leben nicht, und die, die leben, werden nicht sterben.

An den Tagen, an denen ihr Totes gegessen habt, habt ihr daraus Leben erzeugt. Wenn Ihr in das Licht kommt/zur Erkenntnis kommt, was werdet ihr tun?
An dem Tag, als Ihr die einzigen wart, wurdet ihr zwei. Als ihr jedoch zwei wart, was werdet ihr tun?

....

(Der weitere Text wird nur noch in kleinen Auszügen wiedergegeben, die ich von besonderer Bedeutung befand. Der komplette Text findet sich zum Beispiel hier. )

“Ich bin nicht euer Meister. Du bist benebelt, weil Du von der sprudelnden Quelle getrunken hast, die ich offenbart habe.”

(IC weigert sich hier, sich als “Meister” verehren zu lassen, denn eine Jüngerschar wäre der falsche Weg, der nicht zur Selbsterkenntnis führt.)

IC sagte ihnen: “Wenn ihr fastet, begeht ihr eine Sünde. Wenn ihr betet, werden sie euch verdammen. Und wenn ihr Almosen gebt, werdet ihr eurer Seele böses tun. Wenn ihr in irgend ein Land reist, und durch die Gebiete zieht, wenn sie euch wahrhaft empfangen, esst, was sie unter euch stellen, heilt die Kranken unter ihnen. Denn was in euren Mund hineingeht, wird euch nicht zerstören. Das, was aus eurem Mund herauskommt, wird euch zerstören.”

(Hier erscheinen ein paar Warnungen: Fasten, Gebet und Almosen geben sind Stellvertreterhandlungen, die das Gewissen erleichtern sollen, die alle Ablenkungen auf dem Weg der Suche nach dem All-Einen sind. Wenn die Gefährten als Botschafter durch die Lande ziehen, sollen sie all die annehmen, die aus freien Stücken zu ihnen kommen und sich ihnen anbieten. Denn die, die freiwillig zu ihnen kommen, werden sie nicht vernichten. Vernichtet werden sie von denen, denen sie ihre Kunde in missionarischer Manier verbreiten wollen.)

“Wenn ihr auf jemanden trefft, der nicht von einer Frau geboren wurde, dann werft euer Gesicht auf den Boden und verehrt ihn, denn er ist euer Vater.”

(Dieser Satz klingt ironisch. Ich vermute ein rhetorisches Stilmittel. Es sollte im damaligen Weltverständnis eben keinen Menschen geben, der nicht von einer Frau geboren ist. Der gemeine Mensch hätte jemanden, der so etwas äußert, wohl verlacht. Die Suche ist also aussichtslos. Man soll sich vor keinem Menschen niederwerfen. Niemals.)

IC sagte: “Vielleicht denken die männer, das ich gekommen bin, um Frieden auf der Welt zu verbreiten. Und sie wissen nicht, dass ich kam, um die Welt zu teilen. Feuer, Schwert und Krieg. Denn wenn fünf in einem Haus wohnen, werden sich drei gegen zwei auflehnen, und zwei gegen drei. Der Vater gegen den Sohn und der Sohn gegen den Vater. Und sie werden auf ihren eigenen Füßen stehen, wenn sie für sich alleine sind.”

(Es geht hier darum, zu zeigen, dass die Menschen, wenn sie in Scharen organisiert und “befriedet” werden, es keinen wirklichen Frieden gibt. Selbst unterhalb desselben einen Daches werden sich immer einige gegen andere auflehnen, sogar Väter gegen ihre Söhne, oder Lehrer gegen ihre Schüler. Erst wenn jeder seinen eigenen Weg auf seinen eigenen Füßen geht, seine eigene Suche in sich selbst bestreitet, wird die Zwietracht aufhören.)

IC sagte: “Ich werde euch das geben, was das Auge nicht gesehen hat, was das Ohr nicht gehört hat, und was keine Hand berührt hat, und das nicht dem menschlichen Verstand entspringt.”

(IC spricht hier eine Erkenntnis an, die weder in der sichtbaren/berührbaren Welt existiert, noch ein Produkt der Lehren des zergliedernden Verstandes ist. Eine reine Wesensschau, ohne die Welt der Kategorien oder Materie.)

Die Schüler sprachen zu Jesus: “Sag uns, wie wir am Ende sein werden.”
IC sprach: “Habt ihr den Anfang gefunden, so dass ihr nach dem Ende sucht? Denn dort wo der Anfang ist, wird auch das Ende sein. Ein Makarios/gesegneter, der am Anfang auf seinen eigenen Beinen steht, und er wird das Ende kennen, und den Tod nicht schmecken.”

(IC legt hier den Blick auf den Weg. Zurück zum Anfang zu suchen, dort, wo wir herkommen, so wie wir entstanden sind. Anfang und Ende sind dasselbe. Es geht im Kosmos nichts verloren. Die Dinge unterliegen nur beständiger Veränderung. Wenn man in sich selbst sucht und findet, dann wird man die Antwort auf das Ende kennen, und der Tod keine Bedeutung haben.)

IC sagte: “Ein Makarios/gesegnet ist der, der zum “sein” fand/entstand, von Anfang, bevor “er” etwas “wurde”/entstand. Wenn ihr als Schüler zu mir kommt und meine Worte hört, werden diese Steine eure Diener. Denn es gibt fünf Bäume im Paradies, die sich in Sommer und Winter nicht bewegen und ihr Laub nicht verlieren. Er, der sie kennt, wird den Tod nicht schmecken.”

(Es geht hier darum, zu unterscheiden vom reinen Dasein/existieren, dem Leben als solches, als ungestörten dynamischen Prozess, ohne dass an einer Person oder einem Ego festgehalten wird. Der Stein währt ewig. Er hat kein Ego. Es ist unerheblich, ob ein Baum an seinen Blättern festhält oder nicht. Sie kehren dennoch immer wieder zu neuem Leben zurück.)

Die Schüler fragten ihn: “Mit was kann man dieses Königreich des Himmels vergleichen?”
Er antwortete: “Es ist vergleichbar mit einem Senfkorn, dem kleinsten aller Samen. Aber wenn es auf fruchtbare Erde fällt, die sie für es bearbeitet haben, wächst daraus ein großer Ast und wird zum Schutz/Wohnraum für die Vögel des Himmels.”

Maria fragte Jesus: “Mit wem sind deine Schüler vergleichbar?”
“Sie sind wie kleine Kinder, die auf einem Feld siedeln, das ihnen nicht gehört. Wenn die Eigentümer des Feldes kommen, werden sie Sagen “Gib uns unser Feld zurück.” Sie ziehen sich in deren Gegenwart aus, damit sie es ihnen zurückgeben, und sie werden es ihnen zurückgeben. Daher sage ich: Wenn der Hausherr erkennt, dass der Dieb kommt, wird er wachen, bevor er kommt und ihm nicht erlauben, dass er in sein Haus, sein Königreich eindringt, und ihm seine Besitztümer wegnimmt. Ihr aber wacht von Anbeginn der Welt an. Haltet an euren Hüften fest, mit großer Kraft, so dass die Diebe nicht auf die Straße fallen und dir nachstellen, weil die “Chreia” (philosophischer Lebensbedarf), nach dem ihr sucht, sie werden darüber herfallen. Lasst einen weisen Mann in eurer Mitte stehen. Wenn die Frucht reif war, beeilte er sich, mit der Sichel in der Hand, und erntete sie. Er, der ein Ohr zum Zuhören hat, lass ihn zuhören.”

(Hier erneut die Warnung, sich zu für einen schweren Weg zu wappnen. Wenn man in einer religiös aufgeteilten Landschaft wildern mag, muss man denen, die anderer Meinung sind, ihr Feld lassen, denn man kann sie nicht bekehren. Sie werden über einen herfallen, wenn man sich nicht schützt. Wenn aber die Zeit reif ist, und man auf offenen Menschen trifft, so soll man sich beeilen, und den Suchenden helfen.)

IC sah sich kleine Kinder an, die gesäugt wurden, und sagte seinen Schülern: “Diese kleinen, die Milch trinken, sie sind denen ähnlich, die is Königreich eingehen.”
Sie sagten: “Wie kleine Kinder werden wir also ins Königreich kommen?”
Er sagte ihnen: “Wenn ihr aus zweien eins macht, und wenn ihr die Innenseite wie die Außenseite macht, und wenn ihr oben wie unten macht, und männlich und weiblich eins macht, so dass männlich nicht männlich und weiblich nicht weiblich ist, wenn ihr einige Augen an die Stelle eines auges setzt, und eine Hand an die Stelle der Hand, und einen Fuß an die Stelle eines Fußes, ein Bild an die Stelle eins Bildes, dann werdet Ihr in das Königreich eingehen.”

IC empfiehlt weiter:

“Kein Prophet wird im eigenen Dorf anerkannt, und kein Arzt heilt jene, die ihn kennen.
“Eine Stadt, die auf einem hohen Berg gebaut und befestigt ist, wird nicht fallen, noch kann sie sich verstecken.”

“Die Pharisäer und Schreiber haben den Schlüssel zum Wissen (Gnosis) genommen, und verstecken ihn. Weder treten sie ein, noch lassen Sie die, die eintreten möchten, eintreten. Ihr aber seid schlau wie die Schlangen und unschuldig wie die Tauben.”

“Werdet Reisende.” (Haftet nicht an, klebt nirgends fest.)

Wenn sie euch fragenen “Woher kamt ihr?”, sagt ihnen “Wir kamen aus dem Licht, dem Platz wo das Licht aus sich selbst heraus entstanden ist. Es stand auf seinen Füßen und ist in eurem Bild erschienen.

Wenn sie euch fragen “Seid ihr er?” dann sagt: “Wir sind seine Söhne, und wir sind vom Vater auserwählt, der lebt.”
Wenn sie euch frage “was ist das Zeichen des Vaters, der in euch ist?” sagt: “Es ist Bewegung und Ruhe.”
Seine Schüler sagten ihm: “Und an welchem Tage wird die Ruhe der Totn kommen? An welchem Tag wird die neue Welt kommen?”
Er sagte ihnen: “Das, nach was ihr sucht, ist bereits da. Aber ihr erkennt es nicht.”
Er sprach: “24 Propheten haben in Israel gesprochen, alle von denen, zu euch.”
Er sagte: “Ihr habt den lebendigen in eurer Gegenwart ausgelassen und über die Toten gesprochen.”

...

IC sprach: “Ich bin der, der aus dem Ungeteilten existiert. Ich habe einige Dinge von meinem Vater bekommen.”

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  1. 100 Punte :)

    Und 1000 Dank für die tolle Übersetzung.

    Kurzzusammenfassung:

    Die Wahrheit liegt nur in einem selber!

    Liebe Grüße

    Ralf
    Ralf    Mai 1, 11:03    #

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