Ist das “Bilderverbot” des zweiten christlichen Gebotes als ein Verbot zu werten, oder vielmehr als ein subtiler Hinweis auf einen Irrweg, der von der eigentlichen Praxis ablenkt? Ich glaube zweiteres. Hier lässt sich eine Menge lernen. Sehen wir uns einige Quellen und Deutungen an:
“Ihre bundestheologische Bearbeitung (DtrB: Veijola 2000, 153-175; Levin 2003, 88-95) begründet das Verbot jeder bildlichen Darstellung Gottes (Dtn 4,12b.15-16*) damit, dass Gott am Horeb / Sinai zwar aus dem Feuer geredet, Israel aber keinerlei Gestalt gesehen hat, und trägt es in den Dekalog Dtn 5,8 ein. Von dort ist das Bilderverbot schließlich nach Ex 20 gelangt.” (Quelle)
Wenn “Gott aus dem Feuer redet”, dann legt sich mir die Vermutung nahe, dass die “Überlieferung” einer spirituellen Praxis entspringt, die die der schamanischen sehr ähnlich war. Ob nun ein konkretes Feuer gemeint war, oder ein inneres Feuer, das Feuer des “dritten Auges”, das in einigen Kulturen als inneres Auge bezeichnet wird, und einen Zugang zur inneren Bilderwelt bietet.
Auch die zweite Stele von Seth weist uns in diese Richtung:
“Present a command to us to see thee, so that we may be saved. Knowledge
of thee, it is the salvation of us all. Present a command! When thou dost
command, we have been saved! Truly we have been saved! We have seen thee by
mind! Thou art them all, for thou dost save them all, he who was not saved,
nor was he saved through them. For thou, thou hast commanded us.”
Langsam verstehe ich dieses “Present a command!”. Anscheinend ist “command” hier nicht zu werten wie eine Anweisung zwischen Herr und Diener, die ausgeführt werden soll.
Vielmehr ist sie zu verstehen wie in der schamanischen Praxis, aus der
Kontemplation heraus: Zeige uns einen Weg. Offenbare sich mir eine Antwort. Wer schamanisch praktiziert, oder auch buddhistisch meditiert, der versenkt sich bisweilen über einer konkreten Frage in die andersweltigen Zusammenhänge, um in der reinen Schau dort eine Antwort zu erhalten.Natürlich lässt sich diese schamanische Praxis auch über der Eingangsfage
“Was müssen wir tun, um gerettet zu werden?” praktizieren. Man wird ebenso
eine Antwort finden, wenn man geübt ist.Darin birgt sich für mich dann zum Herstellen eines Idols natürlich ein Widerspruch, denn:
Schamanistisch kann man dann nicht, oder nur schlecht praktizieren, wenn man sich einen konkreten, physisch als Objekt vorhandenen Götterfetisch schafft, der einen von der eigentlichen Praxis ablenkt. Also das Abtauchen in die Wahrheit, die Anderswelt, deren Zugang sich uns nur in der rechten Versenkung eröffnet, ist dann nicht möglich, wenn man seine Aufmerksamkeit einer Statue, oder einem Bildnis, oder irgendeinem weltlichen Symbol widmet. Einzige Ausnahme ist, wenn man das Bildnis quasi als Meditationshilfe verwendet. Dieser Weg ist jedoch schwieriger, als der “direkte Zugang”, da das Idol bzw. der Fetisch nicht nur unsere Aufmerksamkeit bündeln, sondern wir auch versucht sind, seine Beschaffenheit in der Welt der Logik und Zergliederung zu beurteilen. Es ist dieses Urteil, das verhindert, dass wir in einen Zustand reinen, nicht wertenden Empfindens und Erfahrens eintauchen.
Götterschau ist also durch die reine schamanische Praxis möglich, und braucht keine Hilfsmittel oder Statussymbole. Jeder Mensch hat, ohne weiteres Zutun und ohne weiteren Besitz, diese Möglichkeit. Aller Tinnef hält nur davon ab, das Wesentliche zu erblicken. Wenn die Religion von ihren Priestern fordert, ein armes Leben zu leben, kann sie das nur aus der Gewissheit heraus, diese Wahrheit “gesehen” zu haben. Tausende Jahre Auseinandersetzung zwischen Religion und weltlicher Macht haben leider immer wieder dafür gesorgt, dass organisierte Religion selbst diesem Irrtum verfallen ist.
Weiter:
“Der Begriff pæsæl „Bild“ im Bilderverbot (Dohmen 1985, 41-48) bezeichnet eine Skulptur unterschiedlicher Materialien. Er begegnet nur in kultisch-religiösen, nie in künstlerischen Kontexten. Bilder von Gottheiten sind in der Antike deren sichtbare und wirkmächtige Repräsentationen. Sie müssen deshalb von besonders befähigten Spezialisten rituell hergestellt und durch Mundöffnung und Mundwaschung belebt werden (Berlejung 1998). Das Bilderverbot verbietet also nicht bildliche Darstellungen überhaupt, sondern die Herstellung eines Kultbildes, und zwar Jahwes; denn die anderer Gottheiten sind schon durch das Fremdgötterverbot ausgeschlossen.” (QuelleDas untermauert mehr oder minder meine vorgenannte Vermutung, nur wird hier ausgespart zu begründen, warum die Fetischkulte “Irrwege” seien, d.h. nicht zur “Wesensschau” oder zur Anderswelt führen.
Weiter denke ich, verbirgt sich hier auch eine ganz praktische Absage an weltliche Besitzergreifung der Religion, wie z.B. den in ägyptischer Zeit verbreiteten Pharaonenkult, später auch dem römischen Kaiserkult, innerhalb dessen der Herrscher und seine Statuen als Götter verehrt werden wollten. Das hat wohl dazu geführt hat, dass es immer mehr Kulte gab, die leere Riten rings um Statuen ausgeführt haben, anstatt die “innere Welt” zu erforschen. Wenn man nun keine Bilder machen darf, funktioniert das mit der Machtergreifung nicht.
Letzten endes lehrt uns die moderne Wissenschaft, dass diese Machtergreifung dennoch funktioniert. Denn die Wissenschaft, Bilder hin oder her, argumentiert sich aus der logischen Welt heraus in einen Alleinherrschaftsanspruch. Da die Religion logisch nicht zu begründen sei, habe sie keine Existenzberechtigung. Dass die Wissenschaft dort sich über ihre eigenen Prämissen erklärt, wird in der großen Komplexität der Wissensmenge leicht übersehen. Dabei ist die Wissenschaft genau eine Tätigkeit, die uns durch die zunehmende Konzentration auf Einzeldetails und das Anhäufungen von Unterscheidungen von der eigentlichen Wesensschau immer weiter weg führt. Vielleicht wird die Wissenschaft an einem Punkt angelangen, an dem sie ihres Detailgrads selbst überdrüssig wird, da er für sie nicht mehr beherrschbar ist.
Etymologisch zum Begriff “Pesel” (geschnitztes/gehauenes Abbild) findet sich einiges in dieser Abhandlung zum Begriff ßelem.
Sie legt nahe, dass es sich tatsächlich um eine Art Statue, sei es ein aus Stein gehauenes oder aus Holz geschnitztes Bild, das konkret verehrt werden soll, anstatt auf dem Weg zur inneren Wesensschau weiter fortzuschreiten. Irrwitzigerweise findet man in etlichen modernen Religionen aber genau das. Ich finde das in einer aufkommend materiellen Welt, die sich in den letzten 2000 Jahren kaum von diesem Prinzip angewandt hat, nicht weiter überraschend. Helfen auf dem Weg zur “Erlösung” wird es dennoch nicht.
Die Buchreligion, könnte man also sagen, hat die schamanische Praxis intellektualisiert. Aber auch das ist ein Irrweg. Intellektualisierung führt nicht zur Wesensschau. Selbst wenn ein Buch zum Fetisch erhoben wird.