Glaubensbekenntnis, moderne Interpretation · 15. März 2010

Eine moderne Interpretation zu der Neufassung des “Glaubensbekenntnisses”.

Wir glauben an die kosmische Ordnung,

Die kosmische Ordnung steht hier für die fundamentalen Naturgesetze. Viele Religionen setzen an diese Stelle einen Gott. Andere eine kosmische Ur-Dualität aus Ordnungsprinzip und Wirkprinzip, Shiva und Shakti, männliches und weibliches Prinzip, das Prinzip, auf dessen Basis die Erscheinungen aus dem Chaos hervorgegangen sind.

die eine All-Natur, aus der alles hervorgeht,
Unser Universum ist aus dem Urknall durch Ausdifferenzierung hervorgegangen, quasi aus einer Singularität heraus entstanden, und wird durch die kosmische Ordnung “geschaffen”, deren Gesetzmäßigkeiten alle Prozesse im Universum unterworfen sind. Die monotheistischen Lehren betont hier meist einen Schöpfergott. Auch das “Entstehen von Teilchen durch Ausdifferenzierung unter Zunahme der Kompexität nach festen Gesetzmäßgikeiten” wäre ein Vertreter.

aus der alles Entstand, sichtbare wie unsichtbare Materie, und die Zeit.

Alles innerhalb dieses Universums ist diesen Gesetzmäßigkeiten unterworfen. Alles innerhalb des Kosmos ist Teil des Kosmos, und kann sich ihm nicht entziehen. Es gibt keinen dem Universum außenstehenden Beobachter. Alles ist Teil des Ganzen, untrennbar. Alles “ist” das Universum. Die christliche Lehre überliefert hier Jahwe als ich bin. In der Yoga begreift das Lebewesen seine Seele als Teil der universellen Shakti. In der Physik gilt der Erhaltungssatz. Nichts geht verloren, alles bleibt Bestandteil von irgend etwas.

Wir glauben an die Natur der Lebewesen,

Innerhalb des Kosmos, auf der Basis seiner Evolution, innerhalb der Grenzen seiner Naturgesetze, sind Phänomene entstanden, die wir lebendig nennen. Grundlage des Lebens ist das Erkennen. Leben definiert sich nur über Beobachtung. Wahrnehmung ist die Natur des Lebens.

die aus dem Wesen der All-Natur hervorgegangen sind,

Auch diese Lebewesen sind Teil des Universums, sie teilen seine Bestandteile, sind ein Teil des Ganzen, sie bestehen aus den Bestandteilen des Kosmos. In den monotheistischen Lehren sind sie von Gott gezeugt, seinem Abbild gleich, oder besser gesagt, aus dem Gott heraus entstanden, eben ein Teil dieses Gottes. In vielen anderen Religionen verkörpern die Götter Ur-Geschöpfe, auf deren Abstammung alle Lebewesen zurückgehen, bzw. verkörpern die Götter die Natur, aus der auch die Lebewesen bestehen.

Materie von Materie, Energie von Energie, Zeit von Zeit, All-Natur von All-Natur,

Kein Bestandteil des Menschen ist nicht auch ein Bestandteil des Kosmos. Keine Handlung des Menschen ist nicht auch eine Handlung des Kosmos. Auch das Phänomen der Zeit ist intrinsisches Wesen der kosmischen Ordnung.

Bestandteil der All-Natur, nicht eines ihrer Produkte,

Die Menschen, wie alle anderen Lebewesen, sind nicht ein Produkt der (All-)Natur, das von der Natur unabhängig existiert und sich als losgelöstes Ich betrachten darf. Sie sind ein fester Bestandteil von ihr. Sie sind die Natur, sie verkörpern sie, wie alles andere auch. Sie können sich mit ihr identifizieren. Sie wurden nicht von der Natur geschaffen, sondern sie verkörpern sie.

eines Wesens mit der kosmischen Ordnung,

Auch wenn die Lebewesen sich bewusst als Ich begreifen, können sie sich der Tatsache nicht entziehen, dass sie ein Bestandteil des Universums sind, aus demselben Stoff bestehen wie alle Phänomene, dass auch der kleinste Teil von ihnen mit dem Universum verbunden ist, zu ihm gehört.

aus der alles hervorgegangen ist,

Es gibt in unserem Kosmos keine Erscheinungen, die nicht Teil unseres Kosmos sind. Ebenso auch nicht die Lebewesen. Alles beobachtbaren Phänomene sind ein Teil der Natur.

in deren Verbindung die Lebewesen Identität und Sinn finden,

Die Verbindung mit der kosmsichen Ordnung können die Menschen über Identifikationsprozesse erfahren. Sie entzieht sich der logisch-mechanistischen Sichtweise, die Produkte des Ichs, des sich als Ego begreifenden (und somit zergliedernden) verstandes. Das Unterscheiden des Egos vom “Rest” des Kosmos ist grundlegende Dualität der menschlichen Logik. Das zergliedernde Ich führt nicht zur Wahrnehmung der Einheit der Wesen mit dem Kosmos. Die reine Wahrnehmung dieser Verbindung schafft, dem Lebewesen Sinn zu stiften.

Viele theistischen Lehren kennen hier die Gotteserfahrung im Herzen, in der Versenkung, im Gebet. Der buddhistische Weg weist die Erfarhung über das Mittel der Meditation. Auch der Yogi übt sich, um die Verbindung mit der All-Natur zu erfahren. Der Schamane versetzt sich in Trance. Andere Naturreligionen üben sich in der Erfahrung der Naturgewalten. Die “Gottes-” bzw. “Naturerfahrung” ist in vielen Religionen und Mystiken als zentrales Element vertreten.

die sie verkörpern,

Das Wesen allen Lebens ist die Möglichkeit der Wahrnehmung dieser kosmischen Verbindung. Sie unterscheidet alles, was wir lebendig nennen von dem, was wir tot heißen. Ebenso, wie sie die Möglichkeit zur Wahrnehmung bergen, bergen sie die Möglichkeit für die Natur, sich in ihnen Auszudrücken. In der christlichen Lehre begegnet hier der Mensch gewordene Gott, als Gottes Sohn, als ein mögliches, logisches Sinnbild, das verstandesmäßig begreifbar machen soll, was im Wesen nur durch Wahrnehmung erfahren werden kann.

deren Schicksal sie teilen,

Was dem Kosmos widerfährt, widerfährt auch den Lebewesen. Es gibt kein “gut” oder “schlecht” im Kosmos. Was im Kosmos geschieht, ist seinen universellen Gesetzen unterworfen. Die Lebewesen können sich dem Lauf des Kosmos nicht entziehen, da sie ein Teil dessen sind. Sie können sich über die Natur nicht hinwegsetzen, sie nicht zu ihrem Vorteil manipulieren. Sie agieren als ein Teil von ihr.

das sie als Leid und Freude wahrnehmen und empfinden,

Die Lebewesen sind in der Lage, die Phänomene des Kosmos als angenehm oder unangenehme Erfahrung zu empfinden. Angenehmes und unangenehmes Empfinden ist das Wesen unserer Erfahrung des Kosmos, unserer Verbidnung mit dem Kosmos, unseres Teil-Seins des Kosmos, der kosmischen Ordnung. Der Buddhismus erklärt hier, alles Leben sei Leiden, und weisen den zur Auflösung des Leidens führenden Pfad. Dabei besteht das Leiden jedoch eigentlich nur in der verstandesgemäßen Wertung der angenehmen und unangenehmen Erfahrung durch das Ich. Die Wahrnehmung der All-Natur ist rein und vollkommen, frei von Leid.

in dessen All-Natur sie am Ende ihres Lebens wieder aufgehen werden,

Der Ausdruck unserer kosmischen Erfahrung in Freude und Leid ist begrenzt. Dieses Phänomen nennen wir eine Lebensspanne. Nach Ablauf dieser Lebensspanne tritt die Empfindung zurück, und unsere Bestandteile zerstreuen sich im Kosmos. Der vorübergehende Ich-Begriff löst sich in Wohlgefallen auf. Damit endet auch das Leid, das aus dem Ich-Empfinden hervorgeht.

und erneut in Erscheinung treten, in Lebewesen oder Unlebendigem,

Nichts im Universum geht verloren. Das, was uns zuvor ausgemacht hatte, wird aufgehen in neuen Dingen oder Lebewesen, als einer deren Bestandteile, immer noch als Teil der kosmischen Natur. Die christliche Lehre überliefert hier das ewige Leben, in östlichen Religionen kenn man den Kreislauf der Wiedergeburten.

Und die universelle Energie, die All-Seele,

Neben der materiellen Erscheinungsform existiert auch ein energetischer Charakter aller Dinge, manchmal als Teilchen-Welle-Dualität, manchmal als Materie-Energie-Dualität, manchmal als Dualität zwischen statischem Ordnungs- und dynamischem Bewegungsprinzip bezeichnet. christliche Lehren kennen hier das Prinzip des heiligen Geistes, in Erscheinung getreten in der Mutter Maria, im Hinduismus kennt man die “Shakti”, die Begleiterin der Götter. In vielen Religionen wird diese Dualität durch das Prinzip “männlich”, “weiblich” dargestellt, bzw. die Dualität Materie/Energie.

die alles durchdringt und lebendig macht,

Alle Phänomene in der Natur treten sowohl in der einen als auch in der anderen Form in Erscheinung. In östlichen Religionen ist die All-Seele unteilbar, sie existiert in jedem Lebewesen. In der christlichen Überlieferung gibt es dein einen, unteilbaren “heiligen Geist”.

die unteilbar mit der All-Natur verbunden ist,

Materie existiert nicht ohne Energie, Energie nicht ohne Materie. Teilchen nicht ohne Welle, Welle nicht ohne Teilchen. Alles hat Teil an dieser All-Seele. Der heilige Geist durchfließt alles, was lebt und existiert.

und sich äußert in denen, die das Wesen der All-Natur erkennen.

Die Verbindung der vorgenannten Phänomene. Als Ich-empfindende Wesen sind die Lebewesen in der Lage, den Lauf der kosmischen Ordnung als All-Natur zu erkennen. Ebenso sind sie in der Lage, sich zu äußern. Erkennen sie die All-Natur durch reine Identifikation, reines empfinden, ohne dass ihre Empfindung durch die aus dem Ego hervortretende Dualität der Zergliederung getrübt wird, können sie versuchen, ihr Erleben in Begriffe zu fassen, und so mitteilbar zu machen. Diese Mittelungen sind nur Äußerungen, Mittler, die anderen den Weg weisen können, selbst diese Erfahrung zu machen, zur Überwindung der Ich-Dualität, dem Zergliedern des Verstandes. Wir kennen sie als Propheten. So gesehen darf man Jesus als Prohet und Gott gleichzeitig betrachten, denn auch das Lebewesen Jesus war ein Teil der kosmischen Ordnung, wie alle Lebewesen.

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